Australien, Sydney, 4. April 2002.
Laut war Lachen zu hören, als zwei Kinder über den Spielplatz jagten, miteinander Fangen spielten. Der eine Junge, blond und etwas größer, lief dabei davon, blickte immer wieder über seine Schulter, während der kleinere, schwarzhaarige, hinter ihm her lief, dabei letztlich auch stolperte und hinfiel. Prompt war der Ältere der Beiden neben seinem kleinen Bruder, fragte nach, ob alles in Ordnung war. Der Jüngere nickte, ehe er seinem Bruder einfach lachend in die Arme hopste und diesen so zu Boden brachte, wo sie sich fortan munter durchs Gras rollten.
Megumi Spencer kicherte, als sie ihre beiden Söhne von einer nahen Parkbank aus beim Spielen beobachtete. Für sie gab es nichts Schöneres, als ihre beiden Lieblinge so glücklich zu sehen.
???: Sieh sie dir an. Tollen umher als gäb's kein Morgen mehr. Ob die Flecken wieder raus gehen?
Megumi: *über die Schulter blickt* Was machen schon ein paar Flecken, wenn sie dafür Spaß haben? Die Kindheit ist dafür da, genossen zu werden, Elijah.
Elijah: *lacht leise* Weiß ich doch, weiß ich doch... *seiner Frau einen Wangenkuss gibt* *dann aber in Richtung der Kinder ruft* Chloe, Robin! Es wird Zeit, nach Hause zu gehen!
Chloe + Robin: Nein! >_<
Megumi: *kichert*
Elijah: *seufzt leise* Wir müssen aber nach Hause. Es wird spät
Robin: Ich will aber nicht! Chloe, sag ihm, dass ich nicht nach Hause will
Chloe: *lacht* Dad~ Robin will aber nicht nach Hause. Und ich auch nicht
Elijah: *verdreht die Augen* Jungs, ich biete jedem von euch ein Eis auf dem Heimweg an, wenn ihr jetzt mitkommt
Megumi: Elijah...
Chloe und Robin sahen sich an, ehe sie breit grinsten und zeitgleich aufsprangen, geradewegs zu ihren Eltern liefen, um sich prompt an ihren Vater zu hängen und dabei laut und lachend nach Eis zu rufen. Megumi konnte darüber nur tadelnd den Kopf schütteln, doch sie sagte nichts. Sollten die Jungs doch ihr Eis bekommen. Was sollte es schon groß schaden?
Langsamen Schrittes verließ die Familie den Spielplatz, machte auf dem Heimweg noch einen kleinen Abstecher bei einer Eisdiele, ehe sie gegen Dämmerung das wohlvertraute Familienhaus erreichten. Sogleich hatte sich Megumi daran gemacht, das Essen vorzubereiten, das in trauter Gemeinsamkeit gegessen wurde. Robin hatte dabei wiederholt gegähnt und auch Chloe schien während des Essens wesentlich ruhiger geworden zu sein.
Elijah: Da sind zwei wohl müde, was?
Chloe: Überhaupt nicht! *mit aufgeplusterten Wangen sagt*
Elijah: *lacht* Natürlich nicht. Ich würde sagen, für euch Zwei geht es direkt hops ins Bett, hm?
Chloe: Aber ich möchte noch wach bleiben und Fernsehen
Robin: Ich auch! Ich auch!
Elijah: *verdreht abermals die Augen* Kinder... Meg, sag doch auch mal was
Megumi: Oh, auf einmal werd ich in die Verhandlungen miteinbezogen?
Elijah: Schaaaatz...
Megumi: Ist ja schon gut... *wendet sich an die Kinder* Wie wäre es, wenn ihr Zwei schlafen geht und ich werd euch dafür ein schönes Gute-Nacht-Lied singen?
Robin + Chloe: *sich ansehen*
Chloe: Aber du singst uns immer was vor, wenn du uns ins Bett bringst
Megumi: Oh, so ein Mist *scherzhaft sagt* Sie haben meinen Trick durchschaut. Welch kluge Jungs wir doch haben
Robin: *kichert*
Chloe: *grinst* Pfannkuchen! Wenn wir jetzt schlafen gehen, bekommen wir morgen Pfannkuchen zum Frühstück
Robin: Au ja! *laut ruft*
Megumi: Pfannkuchen? *hebt eine Augenbraue* Gut, abgemacht!
Robin + Chloe: *beide jubeln*
Megumi: Aber das heißt auch, dass ihr euch jetzt die Zähne putzen geht und ab ins Bett
Robin + Chloe: Okay...
Mehr widerwillig standen die beiden Brüder auf, verließen das Zimmer und gingen nach oben ins Bad. Brav putzten sie sich die Zähne, dann waren sie auch schon in ihrem Zimmer und zogen sich um. Megumi und Elijah kamen nur wenig später rein, deckten die Jungs zu und wünschten ihnen eine gute Nacht, ehe sie das Licht ausschalteten und die Beiden in den Schlaf driften ließen.
Ein Klirren weckte Robin aus seinem Schlaf. Verschlafen rieb er sich ein Auge, während er sich aufrichtete und umblickte. Chloe lag in seinem Bett, schlief nach wie vor seelenruhig. Aber woher war das Klirren gekommen? Robin konnte Stimmen hören, die aus dem unteren Teil des Hauses kamen. Waren seine Eltern noch wach? Der Junge stockte, als er zwei männliche Stimmen erkannte. Die eine gehörte definitiv zu seinem Vater, aber wer war die andere? Robin war neugierig, also stand er leise auf, tapste auf schleichenden Sohlen aus dem Zimmer und die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Dort stand sein Vater, die Hände vor seine Brust erhoben. Ein Tablett mit zwei zerbrochenen Tassen zu seinen Füßen. Seine Mutter stand nur wenige Schritte von ihm entfernt, die Hände eng um sich umschlungen. Ihnen gegenüber mit dem Rücken zu Robin stand der andere Mann. Groß und in dunkle Kleidung gehüllt, eine Skimaske auf dem Kopf. Robin blinzelte verdutzt.
Mann: Hör auf zu reden, alter Mann, und rück endlich alle Klunker heraus!
Elijah: Ich sagte doch bereits, wir sind eine arme Familie. Wir haben nichts von Wert hier *ruhig sagt*
Robin: *sich etwas zur Seite beugt* Papa? Wer ist das?
Elijah: *Robin bemerkt* *ihn mit Schreck ansieht*
Megumi: Robin! *leicht panisch ruft*
Mann: *hastig über die Schulter schaut* Was? Ein Kind?
Robin: *den Mann aus großen Augen ansieht*
Elijah: Robin, geh sofort wieder auf dein Zimmer!
Robin: Wieso? Wer ist das?
Elijah: Robin, hör auf, Fragen zu stellen und geh sofort wieder auf dein Zimmer!
Megumi: Bitte, Robin... Tu, was dein Vater dir sagt...
Mann: *sich etwas mehr zu Robin umdreht* *ihm eine Waffe entgegen richtet* Du solltest auf Mami und Papi hören, Kleiner...
Robin: *legt den Kopf verwundert schief* Was ist das?
Megumi: Das ist doch egal! *panisch ruft* G-Geh einfach wieder, Robin! Geh einfach!
Robin: *zu ihr schaut* Mama... Weinst du?
Elijah: *ein paar Schritte nach vorne geht* Robin!
Mann: *sofort die Waffe wieder auf Elijah richtet* Keinen Schritt weiter! *faucht*
Elijah: *auf der Stelle innehält*
Mann: Ich verliere langsam die Geduld. Los, rück sofort alles an Wert raus oder ich knall einen von euch ab, ist das klar?
Megumi: *leise wimmert* Bitte... Wir haben doch nichts Wertvolles...
Mann: Schnauze, Weib! Ich zähl bis fünf, dann heißt es Boom!
Elijah: *schluckt* Wenn wir es doch sagen. Ich habe vor kurzem meinen Job verloren. Wir haben gerade genug Geld, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Alles, was wertvoll war, liegt längst beim Pfänder.
Mann: 1!
Megumi: Bitte, wir lügen nicht. Wir haben wirklich nichts *jammert*
Mann: 2!
Elijah: Hören Sie, wenn Sie einfach wieder gehen, dann vergessen wir das Ganze einfach. Hier ist nichts passiert und jeder kommt ohne Schaden heraus
Mann: 3!
Elijah: Sie können doch nicht wirklich so verzweifelt sein, dass es notwendig ist, eine fremde Familie auszurauben!
Mann: Was wissen Sie schon! 4!
Megumi: Robin... Robin, lauf weg. Sofort!
Robin: *nicht wirklich versteht, was hier vor sich geht* Wieso?
Mann: Du willst wissen, wieso, Kleiner? Deshalb: 5!
Bevor noch jemand etwas hätte sagen können, hatte der Mann die Waffe auf Megumi gerichtet. Ein lauter Knall war zu hören, danach ein Rumpeln. Megumi war zu Boden gefallen, rührte sich nicht mehr. Blut floss ihr aus ihrem Hinterkopf heraus. Elijah schrie laut auf. Robin war erstarrt. Etwas in ihm zog sich fest zusammen. Was war gerade passiert? Warum war seine Mutter hingefallen? Warum rührte sie sich nicht mehr? Er sah, wie sein Vater zu ihr lief, neben ihr hinfiel. Tränen liefen ihm über die Wangen. Und da realisierte Robin, was gerade passiert war: Seine Mutter war tot!
Dieser Mann hatte sie umgebracht... Robin wollte sich rühren, aber er konnte es einfach nicht. Etwas hielt ihn dort an Ort und Stelle. Sein Blick war nach wie vor auf seine Eltern gerichtet. Das durfte einfach nicht sein. Alles um ihn herum wurde dumpf. Er hörte nur noch durch einen Schleier. Irgendwo hinter ihm hallten Schritte wieder. Vermutlich war Chloe nun auch aufgewacht, kam herbei, geweckt von diesem grausamen Laut, der soeben ihre Mutter gestohlen hatte. Die Stimme des Mannes hallte an seine Ohren, schrie laut und verlangte nach wie vor nach Wertsachen. Sein Vater reagierte nicht. Robin senkte den Blick. Seine Eltern hatten es doch gesagt. Sie hatten nichts. Warum verstand der Mann das nicht? Was würde er machen, wenn er nicht weiter verstand? Würde er auch noch ihren Vater umbringen? Nein, das durfte nicht sein!
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, er hörte einen entsetzten Laut hinter sich. Chloe war bei ihm zum Stehen gekommen, hatte ihre Eltern erblickt. Robin schielte wieder hoch. Wut stand in seinen Augen. Brennend heiße Wut, die den Mann vor sich ins Visier nahm. Dieser Mann, wie er wieder seine Waffe erhoben hatte, sie diesmal auf ihren Vater gerichtet hatte. Dieser Mann... Er hatte kein Anrecht, ihnen das anzutun. Er hatte kein Anrecht, damit davon zu kommen. Er hatte kein Anrecht, auf irgendetwas.
"ROBIN, NICHT!"
Er hörte den lauten Ruf seines Vaters, der seine Söhne erblickt hatte. Doch Robin reagierte nicht. Er kniff die Augen zusammen, schrie selbst lauthals auf. Um ihn herum war ein leises Rumpeln zu hören. Verwirrt sah sich der Einbrecher um, als alles zu schweben begann. Die Scherben der Tassen, die Fotos auf den Regalen, die schweren Schränke. Alles erhob sich, ließ den Einbrecher panisch werden. Ein Knarzen, war zu hören, ein Geräusch, als würde etwas zerbersten. Die Wände bekamen Risse, aus der nahen Küche waren zischende und rauschende Geräusche zu hören. Elijah und Chloe schrien beide panisch, versuchten, auf Robin einzureden. Der Einbrecher war längst vor Angst erstarrt. Und dann öffnete Robin wieder seine von Hass erfüllten Augen.
Es war, als wäre eine Bombe hochgegangen. Überall brachen die Leitungen aus den Wänden, die Möbel krachten zu Boden. Gas und Wasser rauschten von überall her ins Haus. Der Mann verlor vollkommen die Beherrschung. Er richtete seine Waffe auf Robin und schoss. Robin wusste nicht, wie ihm geschah. Er sah die Kugel, wie sie beinahe in Zeitlupe auf ihn zuraste. Er wollte ausweichen, doch er konnte sich nicht rühren. Er wollte nicht von der Kugel getroffen werden. Die Kugel sollte woandershin fliegen! Und kaum hatte er das gedacht, änderte die Kugel ihre Richtung, wenn auch nur minimal. Robin warf den Kopf zur Seite, spürte, wie ihn etwas heiß und schnell striff, sein rechtes Auge mit purem Schmerz erfüllte. Er wollte wieder nach vorne schauen, doch er kam nicht dazu.
Eine Welle von Hitze, ein gewaltiger Druck wirkte auf ihn ein, warf ihn zusammen mit seinem Bruder aus dem Wohnzimmer durch den Türrahmen wieder in die Diele, ließ sie beide dort hart gegen die Wand aufschlagen und zu Boden sinken. Ein Knall hatte sie Beide taub und benommen werden lassen. Der Schuss des Mannes hatte Funken aufsprühen lassen. Funken, die das aus den Leitungen getretene Gas entzündet hatten, damit alles in Brand gesteckt hatten.
Robin öffnete langsam das eine Auge, das nicht schmerzte, sah überall um sich herum Feuer, wusste nicht, wie ihm geschah. Neben ihm schrie Chloe panisch, versuchte aufzustehen. Er wollte wieder ins Wohnzimmer, doch eine plötzliche Feuerfontäne ließ ihn wieder zurück taumeln. Langsam richtete sich Robin wieder auf. Er wollte etwas sagen, doch kein Wort verließ seine Lippen. Und obwohl er stumm geblieben war, hatte Chloe ihn bemerkt. Der Blonde sah panisch zwischen Wohnzimmer und seinem Bruder hin und her, ehe er sich zu Robin beugte, versuchte, ihm aufzuhelfen. Robin nahm die Hilfe entgegen, ließ sich von Chloe Huckepack nehmen, hustete dabei vom Rauch. Er schloss wieder das Auge, weil es zu tränen begonnen hatte. Er wusste nicht, was Chloe tat, aber er spürte, wie sie sich fortbewegten.
Nicht allzu lange danach spürte Robin die kalte Nachtluft auf seiner Haut, atmete tief durch. Chloe ließ ihn wieder zu Boden sinken. Ein dumpfer Laut verriet Robin, dass sich sein Bruder neben ihn auf den Boden hatte fallen lassen. Er sagte nichts, aber Robin hörte ihn leise Schluchzen und Wimmern, während aus der Ferne bereits der Klang herbei eilender Sirenen zu vernehmen war.
Robin saß da, auf einer Bank im Flur des Krankenhauses, und verstand nichts. Vor seinem inneren Auge blitzten immer wieder dieselben Bilder auf. Der Einbrecher. Seine Eltern. Feuer. Alles hörte sich so dumpf an. Er fühlte sich, als hätte jemand alles mit einer dicken Schicht von irgendetwas umgeben, was ihn taub werden ließ. Bis er mit einem Mal wieder ins Hier und Jetzt gerufen wurde.
Chloe stand vor ihm. Die Augen waren rot und wund und um seinen Kopf war ein dicker Verband. Seine Lippen jedoch waren von einem zittrigen Lächeln geziert.
Chloe: Komm, Robin, wir gehen... *reicht ihm die Hand*
Robin: Wohin?
Chloe: Es ist ein Mann gekommen, der uns in unser neues Zuhause bringt
Robin: Ein Mann? Aber Papa hat immer gesagt, wir-
Chloe: Aber Papa ist nicht mehr da! *ihn schreiend unterbricht*
Robin: *Verwundert blinzelt* *den Kopf schief legt* Wo ist Papa denn?
Chloe: *ihn sprachlos ansieht* *dann aber den Blick senkt* Papa ist... *schluckt*
Robin: *ihn fragend ansieht*
Chloe: *kneift kurz die Lippen zusammen* *lächelt ihn dann aber wieder an* Er musste woanders hin. Er sagte uns, wir sollen ruhig dem Mann folgen. Er wird uns später abholen
Robin: ... Okay...
Und damit griff Robin Chloes Hand und machte sich mit ihm auf den Weg. Jener Mann hatte die Jungs auf eine lange Autofahrt mitgenommen. Ruhig hatte er den Beiden dabei erklärt, dass aus dem Haus nichts mehr zu retten gewesen war und dass sie zur besseren emotionalen Verarbeitung des Geschehens an einen passenden Ort gebracht werden würden. Robin hatte nichts dazu gesagt, während Chloe einfach nur zugestimmt hatte.
Wenige Tage später waren die beiden Brüder in Schottland angekommen. Mit großen Augen standen sie vor dem gewaltigen Gebäude, dass ihnen als ihr neues Zuhause vorgestellt wurde. Von außen sah es nach einem sehr alten Anwesen aus, doch kaum betrat man es, sah man, dass es von innen modern ausgestattet war. Sehr zu seiner Verwunderung nahm Robin zur Kenntnis, dass man ihm und Chloe individuelle Räume gegeben hatte - in unterschiedlichen Teilen des Gebäudes.
Robin: Aber ich möchte bei Chloe bleiben...
Mann: Das geht nicht
Robin: Wieso? *sieht zu Chloe* Chloe, sag ihm, dass ich bei dir bleiben will...
Chloe: *einen Moment lang erstarrt* Ehm... *zwischen Robin und dem Mann hin und her blickt* *seufzt* Robin, vielleicht sind getrennte Räume besser...
Robin: Was? Wieso?
Chloe: *ballt leicht die Fäuste* Weil... weil...
Mann: *beugt sich zu Robin vor* Du hast die Fähigkeit, besondere Dinge zu vollführen. Aber du musst lernen, wie du sie richtig einsetzt. Dein Bruder wird dir da nur im Weg stehen *ruhig erklärt*
Robin: *zu dem Mann sieht* Muss ich das lernen?
Chloe: Ja, Robin, das musst du. Es... es ist nur zu unserem besten, verstehst du?
Robin: *sieht Chloe an* Sehen wir uns denn noch?
Chloe: *schluckt* *nickt* N-Natürlich sehen wir uns noch. Ich bin immer noch da. Und wir wohnen immer noch unter einem Dach.
Robin: *einen Moment lang nichts sagt* *dann aber nickt* Okay...
Kurz sagte der Mann noch, dass Chloe dort stehen bleiben und warten sollte, bis ihn jemand abholen würde. Dann hatte er Robin auch schon sanft, aber bestimmend in eine andere Richtung entlang geschoben. Robin blickte noch einmal über die Schulter zu Chloe, welcher ihm matt hinterher winkte, dann aber den Blick fallen ließ. Robin sah wieder nach vorne. Er konnte es sich nicht wirklich erklären, aber er hatte das Gefühl, dass er Chloe nicht mehr so schnell wieder sehen würde. Hastig schüttelte er den Kopf. Das war idiotisch. Chloe war sein Bruder. Er würde ihn nicht anlügen. Ganz bestimmt nicht!
Der neue Alltag für Robin begann mit dem nächsten Morgen, als man ihm nach dem Frühstück einen neuen Raum zeigte. Ein Raum, der vollkommen weiß war. Weiß und leer. Robin blickte sich um. Er mochte diesen Raum jetzt schon nicht. Und es wurde nicht besser, als eine ihm unbekannte Person auftauchte und sich ihm gegenüber stellte, auf ihn hinab sah.
Mann: Du bist Robin, richtig?
Robin: *nickt leicht* *blickt nach unten*
Mann: Ich heiße für dich 'Teach', ok?
Robin: Haben Sie keinen richtigen Namen?
Teach: Für dich ist das mein richtiger Name
Robin: Sie sind mir unheimlich. Wo ist mein Papa?
Teach: Er ist nicht hier.
Robin: Wo ist er?
Teach: Das spielt keine Rolle für dich
Robin: Doch, tut es! Ich will zu Papa *schreit*
Teach: Hör auf zu schreien! *bestimmend sagt* Dein Vater kommt nicht wieder. Find dich damit ab!
Robin: *zuckt zusammen* . . . Dann will ich zu Chloe...
Teach: Dein Bruder ist für dich gerade keine Option!
Robin: Wieso?
Teach: Weil er selbst wichtigeres zu tun hat!
Robin: Aber Chloe hat mir versprochen, dass wir uns wieder sehen...
Teach: So? Dann tut es mir Leid, dir zu sagen, dass das Versprechen fürs Erste aufgeschoben ist. Du wirst deinen Bruder so schnell nicht wieder sehen.
Robin: Wieso?
Teach: Du und deine Kräfte sind eine Gefahr für die Allgemeinheit. Bis du nicht ein wenig Selbstkontrolle hast, wirst du niemanden sehen.
Robin: Das will ich nicht!
Teach: Eine andere Option gibt es nicht. Wenn du nicht so lange allein sein willst, streng dich an und lerne schnell.
Robin: *ihn finster ansieht*
Teach: *den Blick unbeeindruckt erwidert*
Robin: *den Blick schließlich senkt*
Teach: Gut, wo das geklärt ist, was weißt du über dich und deine Kräfte?
Robin: Kräfte... *hebt seine Hände an* Sind das diese Flammen? *ein Feuer zwischen seinen Fingern entstehen lässt* Ich kann das schon immer. Aber Papa sagt immer, dass ich das nicht machen soll, also lass ich es.
Teach: Kannst du nur dieses Feuer machen?
Robin: *ihn kurz verwundert ansieht* *den Kopf schüttelt* Ich kann Dinge fliegen lassen.
Teach: Verstehe... Lösch die Flamme! Fürs erste bleiben wir nur bei der Theorie.
Robin: *die Flamme löscht* Theorie? *verdutzt fragt*
Teach: Ich erkläre, du hörst zu und merkst es dir!
Robin: *den Blick senkt* *nickt*
Die darauf folgenden Wochen fand sich Robin jeden Tag in diesem weißen Raum wieder, wo er auf einen Stuhl gesetzt wurde, während Teach vor einer an der Wand angebrachten Tafel stand, ihm alles Mögliche zu jenen Flammen und seinen Kräften erklärte. Robin hatte anfangs noch ziemliche Probleme, den Erklärungen des Mannes zu folgen, fragte bei fast jeder Kleinigkeit nach, bis Teach irgendwann der Geduldsfaden riss und er Robin dafür anstauchte, dass er gefälligst besser aufpassen sollte. Daraufhin hatte Robin nichts mehr gesagt, hatte aber noch weniger gut dem Unterricht folgen können. Für ihn war der tägliche Unterricht bei diesem Mann eine Qual, über die er sich beinahe jede Nacht in den Schlaf weinte. Etwas, was enorm qualvoll war, da sein rechtes Auge nach wie vor nicht richtig verheilt war, die Wundheilung sogar enorm behinderte. Aber Robin war es egal, wenn es weh tat. Der Schmerz war einfacher zu ertragen, als das Stechen in seiner Brust, weil er allein war und seine Furcht, dass er Chloe oder seinen Vater nie mehr wieder sehen würde.
???: Hey, Kleiner, aufwachen~
Robin: *das Gesicht leicht verzieht* Hnnn? *sein Auge öffnet* W-Wer bist du?
???: Mein Name ist Damian. Freut mich, die Bekanntschaft zu machen
Robin richtete sich langsam in seinem Bett auf, sah sich dabei einem Teenager mit wirren braunen Haaren gegenüber, der sich auf seine Bettkante gesetzt hatte und ihn nun breit angrinste.
Robin: Damian?
Damian: Ganz genau. Du lernst schnell, was?
Robin: *den Blick senkt* Uhm...
Damian: *betrachtet ihn einen Moment* *steht dann auf* Warum stehst du nicht auf und ziehst dich an? Ich warte draußen auf dem Flur und dann gehen wir zusammen frühstücken, ja?
Robin: W-Was ist mit Teach und dem Unterricht?
Damian: Eh? Oh, ehm, für die nächsten paar Tage bin ich dein Lehrer. Ich werd dir das Lesen und Schreiben beibringen. Was sagst du dazu?
Robin: Lesen und Schreiben?
Damian: *nickt* Jup. Dann kannst du im Unterricht mitschreiben und dir alles abends in Ruhe noch einmal anschauen. Vielleicht macht es das Lernen dann etwas einfacher.
Robin: Darf ich dann Chloe sehen?
Damian: Chloe? Das ist dein Bruder, oder? Soweit ich weiß, hat er selbst Unterricht und ist jeden Tag am Lernen. Ich glaube, er hat zurzeit nicht viel Zeit. Tut mir Leid~ *ihn schief angrinst*
Robin: Oh... okay... *aufsteht* Ich zieh mich an...
Damian: Geht klar. ich warte draußen. Und kein Grund zur Eile, ok? Wir haben massig Zeit.
Robin blickte ihm kurz noch nach. Dann zog er sich an und verließ sein Zimmer. Wie erwartet stand Damian nahe seiner Tür an einer Wand, summte dabei leise. Robin war ein wenig fasziniert von diesem Jungen. Im Vergleich zu Teach, der so unglaublich streng war und immer finster blickte, schien Damian jemand mit immerguter Laune zu sein. Robin mochte ihn auf Anhieb. Darum hatte er auch kein Problem damit, Damians Hand zu greifen, als dieser ihm seine hinhielt, ihn so den Gang entlang führte zu einem kleinen Gemeinschaftsraum, wo bereits ein Frühstück angerichtet worden war. Robins Auge begann zu funkeln, als er den Tisch erblickte, lief sofort los und kletterte auf einen Stuhl.
Robin: Darf ich essen, was ich will?
Damian: *sich ihm gegenüber setzt* *lacht* Klar, schlag nur zu. Du hast es sicher verdient. Heute machen wir uns einen schönen Kennenlern-Tag und in der kommenden Woche bring ich dir dann alles bei, was du können musst, ok?
Robin: *breit lächelnd aufschaut* Okay! *sich seinen Teller bis zum Rand voll macht* *fröhlich zu Essen beginnt*
Damian: *munter lächelnd Robin dabei beobachtet*
Die folgenden Tage waren ein Lichtblick in Robins Leben. Damian brachte ihm immer Süßigkeiten mit, quatschte mit ihm gerne über verschiedene Dinge und brachte ihm das Lesen und Schreiben so bei, dass es Robin richtig Spaß machte und er sogar übereifrig dabei war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte diese eine Woche mit Damian niemals aufhören sollen. Aber leider hatte Robin bei all dem kein Mitspracherecht.
Robin: *sitzt auf seinem Bett* Muss ich wirklich ab morgen wieder von Teach unterrichtet werden?
Damian: *sitzt neben ihm* Hmm, leider ja. Tur mir Leid, Robin
Robin: *Senkt den Blick* Alle verlassen mich immer...
Damian: Eh? Was meinst du damit?
Robin: Chloe hat gesagt, dass uns Papa bald abholen würde, aber Papa ist nicht gekommen. Und Chloe hat auch gesagt, dass wir uns noch sehen würden, aber das stimmt nicht. Und du gehst jetzt auch wieder und lässt mich allein
Damian: *sieht ihn etwas bedrückt an* *sucht nach passenden Worten* Hör mal... Ich bin mir sicher, Chloe hat es nicht so gemeint. Er war sicher davon überzeugt, dass ihr euch bald sehen würdet und war sicher genauso überrascht, als er gehört hat, dass ihr euch nicht so schnell wieder sehen würdet
Robin: Seh ich ihn jemals wieder?
Damian: *streicht ihm durchs Haar* Wenn du dich anstrengst, dann wird es sicher nicht mehr lange dauert. Du bist immerhin ein schneller Lerner!
Robin: Und seh ich dich wieder?
Damian: Ich hab ziemlich wenig Freizeit, darum kann ich nicht wirklich sagen, wann ich wieder Gelegenheit habe, vorbei zu kommen... Aber ich verspreche dir, dass das hier nicht das letzte Mal sein wird, dass wir uns getroffen haben. Es wird der Tag kommen, wo wir wieder mehr Zeit miteinander verbringen werden!
Robin: *nickt* Okay...
Abermals vergingen Wochen. Wochen, in denen sich Robin anstrengte, den Lektionen von Teach zu folgen. Ihm wurde vieles beigebracht, über die Flammen, ihre Kräfte, die Art, wie man sie kontrollierte. Und wenn es eine Sache gab, die Robin beinahe täglich hörte, dann, dass der Schlüssel zur Kontrolle seiner Kräfte Emotionen waren. Je weniger Kontrolle er über seine Gefühle hatte, desto eher verlor er die Kontrolle über seine Kräfte. Je weniger er von seinen eigenen Gefühlen überrollt wurde, desto einfacher war es, seine Kräfte zu beherrschen.
Bald schon hatte Robin den Dreh mehr oder weniger raus, bemühte sich, alle Gefühle zu unterdrücken. Er weinte sich nicht mehr länger in den Schlaf, sodass sogar sein Auge vernünftig heilen konnte und man ihm die Augenklappe, die er bis dato getragen hatte, endlich hatte abnehmen können. Zu seiner Überraschung war sein rechtes Auge grau geworden, vermittelte den Eindruck, als ob es nicht mehr klar sehen konnte. Etwas, was es in der Tat auch nicht mehr konnte. Wann immer Robin sein Linkes schloss, war alles nur noch ein Schleier aus grau und weiß.
In der Zeit, die es gebraucht hatte, sich an seine neue Sicht zu gewöhnen, waren Teachs Lektionen von reiner Theorie auch zu Praxis übergegangen. Robin wurde in unterschiedliche Situationen geworfen, die verschiedene Emotionen hervor brachten. Und Robin lernte, wie er diese unterdrückte, um nicht versehentlich seine Kräfte einzusetzen.
Sein Alltag bestand aus nichts anderem mehr als diesem Training. Bald gesellten sich noch Sport und eine normale Grundschulausbildung hinzu und ehe sich Robin versah, war ein Jahr vergangen. Ein Jahr, indem er gelernt hatte, nahezu keine Gefühle zu zeigen, alles unter Verschluss zu halten. Ein Jahr, beinahe nur mit Teach. Ein Jahr, beinahe vollkommen allein.
Teach: Ich muss zugeben, so viel Ärger du auch am Anfang bereitet hast, so viel Fortschritt hast du am Ende gemacht. Du hast mich überrascht
Robin: Hab ich das? *nüchtern fragt*
Teach: Sehr sogar. Deine Ausbildung hat Früchte getragen. Ich denke sogar, dass du ab jetzt wieder Kontakt mit anderen Menschen haben kannst
Robin: *schaut auf* *verzieht keine Mine* Wie toll...
Teach: *muss bei der Reaktion grinsen* Ich habe gehört, dein Bruder hat die kommenden Tage frei bekommen. Ich zeig dir, wo sein Zimmer ist. Dann kannst du ihn besuchen.
Robin: Okay...
Teach: Unser Unterricht ist damit übrigens vorbei. Ab morgen genießt du die normale Ausbildung der "Red Streak"
Robin: Wir sehen uns nicht mehr wieder?
Teach: Nein.
Robin: *nickt* Verstehe...
Robin ließ den Blick eher desinteressiert umher fahren, während Teach ihn die Gänge entlang führte, in einen Teil des Gebäudes brachte, in dem Robin selbst noch nie gewesen war. Dort brachte ihn Teach bis zu einer Tür, die er als einen Gemeinschaftsraum für die in diesem Abschnitt lebenden Bewohner beschrieb. Hier ließ er Robin einfach zurück, verschwand selbst einfach wieder.
Robin blickte ihm kurz nach, ehe er anklopfte und zögerlich eintrat. Er ließ den Blick umher fahren, erblickte beinahe sofort am anderen Ende des Raumes in einer Ecke einen bekannten Blondschopf sitzen, wie er in einem Buch las. Als sich Robin ihm langsam näherte, blickte dieser auf, blinzelte überrascht, ehe er das Buch beiseite legte und hastig auf Robin zugelaufen kam.
Chloe: Robin! Was... Was machst du denn hier?
Robin: Meine... meine Ausbildung ist fürs erste abgeschlossen. Mir wurd gesagt, ich darf dich ab jetzt sehen.
Chloe: O-oh... Ist das so? *mustert ihn kurz* Dein Auge...
Robin: Es ist blind...
Chloe: Blind? *stockt* Das... *senkt den Blick* Das tut mir Leid
Robin: Das braucht es nicht. Ich sehe mit dem anderen Auge genug...
Chloe: Okay... Wenn du das sagst...
Beide: *einige Momente lang schweigen*
Chloe: U-Und wie lief es so bei dir?
Robin: *ihn anschaut* Ich hab gelernt, meine Kräfte zu kontrollieren.
Chloe: *ballt leicht die Fäuste* Das... freut mich. Und hast du dir dabei irgendwelche Freunde gemacht?
Robin: *den Kopf leicht schief liegt* Mein Lehrer war die einzige Person, mit der ich zu tun hatte. *nüchtern sagt* Ansonsten war ich allein
Chloe: *ihn verwundert ansieht* A-Allein? Das ganze Jahr über?
Robin: *nickt*
Chloe: Das... Das tut mir Leid, Robin. ich... ich dachte, du hättest da drüben... Noch jemanden... *den Blick senkt*
Robin: Ist schon in Ordnung...
Chloe: *kneift leicht die Lippen zusammen* Ist mit dir alles in Ordnung?
Robin: Was sollte nicht in Ordnung sein?
Chloe: Du... wirkst so kalt. Ich hätte eher damit gerechnet, dass du... dich mehr freuen würdest, mich wiederzusehen...
Robin: *mustert Chloe* Freust du dich, mich wiederzusehen?
Chloe: Eh? *blinzelt verdutzt* N-Natürlich freue ich mich! *grinst schief* Wieso sollte ich mich nicht freuen? Ich seh nach einem Jahr endlich meinen kleinen Bruder wieder
Robin: Hm. Ich denke, ich freue mich auch...
Chloe: Du denkst?
Robin: Gefühle stören bei der Kontrolle über meine Kräfte. Also... habe ich Abstand davon genommen
Chloe: Abstand von... Gefühlen? Aber... ohne Gefühle... Robin... Das bist doch dann gar nicht mehr du...
Robin: Menschen ändern sich. Oder ist das falsch?
Chloe: Aber doch nicht so!
Robin: *senkt den Kopf* Hasst du mich jetzt?
Chloe: Ich... *zieht ihn zögerlich in eine Umarmung* Warum sollte ich dich hassen?
Robin: *bewegt sich nicht* Chloe?
Chloe: Ja?
Robin: Wann kommt Papa uns holen?
Chloe: *schluckt* Ich... weiß es nicht...
Robin: Ist er irgendwann einmal da gewesen?
Chloe: *den Kopf schüttelt* Aber er hat einmal eine Nachricht geschickt. Er... hat einen neuen Job gefunden, aber er kann sich dabei nicht wirklich um uns kümmern, also wird es wohl noch eine Weile dauern, bevor er uns abholen kann
Robin: *verengt leicht die Augen* . . . Okay...
Chloe: Es tut mir Leid, Robin...
Robin: Ist in Ordnung...
Sie hatten sich ein Jahr lang nicht mehr gesehen, hatten seit dem Vorfall mit dem Einbrecher nur wenig miteinander gesprochen und doch standen sie nun hier und fanden nicht wirklich etwas, worüber sie hätten sprechen können. Für Robin war in all der Zeit kaum etwas passiert. Er hatte einen eintönigen Alltag mit nur einer einzigen Person gehabt. Was hätte er da erzählen sollen? Doch Chloe schien auch nichts sagen zu wollen. Robin bezweifelte, dass für Chloe ein genauso eintöniger Alltag geherrscht hatte. Und doch hüllte sich der Blonde in Stille. So sehr dass sie irgendwann einfach nur nebeneinander saßen und sich anschwiegen. Robin saß da, starrte ins Leere und Chloe hatte einfach wieder sein Buch gegriffen und gelesen.
So verging der Tag, bis es Zeit fürs Mittagessen wurde. Sie aßen gemeinsam mit ein paar anderen Leuten in einem Raum, der an eine Kantine erinnerte. Danach kam jemand auf Chloe zu, verkündete ihm, dass es Zeit für sein Training wurde. Chloe hatte sich noch mit ein paar kurzen Worten verabschiedet, dann war er auch schon gegangen. Und Robin stand wieder allein da, sah seinem Bruder etwas betreten nach.
Die nächsten Wochen sahen für die beiden Brüder nicht sehr viel anders aus. Wann immer Robin in seiner Ausbildung Zeit hatte, ging er rüber in den anderen Gebäudeflügel, suchte Chloe auf, doch beinahe jedes Mal entschuldigte sich Chloe damit, dass für ihn selbst noch irgendein Unterricht oder Training anstand. Und wenn er doch einmal Zeit hatte, dann sprachen sie nahezu kein Wort miteinander. Robin verstand es einfach nicht. Damals, Zuhause, hatten sie sich noch so gut verstanden und nun schien Chloe ihn zu meiden, wo es nur ging. Hasste Chloe ihn auf einmal? Aber wieso? Was hatte Robin denn getan, dass niemand mehr mit ihm zu tun haben wollte? Sein Vater wollte ihn nicht von hier abholen, Chloe wollte keine Zeit mit ihm verbringen und außer den Lehrern, die nur zum Unterricht da waren, hatte Robin niemanden, der Zeit mit ihm verbrachte. Die Abende und Nächte verbrachte der Junge damit, auf seinem Bett zu sitzen, die Knie angezogen und in die Leere zu starren, während er um sich herum Dinge schweben ließ. Er hatte seine Gefühle recht gut im Griff und doch konnte er sich nicht dagegen rüsten, dass er sich so unendlich einsam fühlte. Und diese Einsamkeit ließ sein Herz unglaublich schmerzen. Was nur hatte er getan, um das zu verdienen?
Eines Tages schritt Robin eher desinteressiert durch das Gebäude. Er hatte heute frei, aber er wusste nicht, was er hätte tun sollen. Er hatte überlegt, Chloe zu besuchen, aber wahrscheinlich wäre er eh wieder abserviert worden. Warum also versuchen?
Sein Gedanke wurde unterbrochen, als er am Ende des Ganges eine ihm bekannte Gestalt entlang gehen sah. Er war in Begleitung einer jungen Frau, nicht älter als er. Robins Augen begannen leicht zu funkeln, ehe er seinen Schritt etwas beschleunigte.
Robin: Damian? *zögerlich fragt*
Damian: Hm? *sich umschaut* *Robin sieht* Robin! Man, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen! Wie geht es dir? *strahlend zu ihm kommt*
Robin: Gut... *nüchtern antwortet*
Damian: *stockt* Gut? *mustert ihn kurz* Du wirkst anders, als beim letzten Mal
Robin: Ich hab meine Ausbildung bei Teach abgeschlossen...
Damian: Oh... Ich verstehe...
Mädchen: Damian? Wer ist das?
Damian: *zu ihr blickt* Oh, ich glaube, ich hab dir schon einmal von ihm erzählt. Das ist Robin. Der Junge, den ich damals unterrichtet habe.
Mädchen: Oh, der Junge, der letztes Jahr mit seinem Bruder herkam?
Damian: Genau der!
Mädchen: *zu Robin blickt* Verstehe... Hi, ich bin Rosetta Wilson. *ihn anlächelt*
Robin: Robin Spencer
Rosetta: Ich hab schon ein wenig von dir gehört. Mein herzlichstes Beileid.
Robin: Beileid? Wofür?
Damian: Rose...
Rosetta: Na, für deine Eltern. Es muss hart sein, so jung schon beide Elternteile zu verlieren
Robin: Eh? *seine Augen leicht weitet* Mein Vater... lebt doch noch... *leise sagt*
Rosetta: *stockt* Was?
Damian: *die Stirn runzelt* Robin... *sich zu ihm kniet* *ihm eine Hand auf die Schulter legt* Was hast du gerade gesagt? *ruhig fragt*
Robin: Mein Vater... Er lebt noch. Chloe sagte das. Papa lebt noch. Er kann uns nur wegen seiner Arbeit noch nicht hier abholen
Damian und Rosetta: *sich etwas betreten anschauen*
Robin: *zwischen den Beiden hin und her schaut* Er lebt doch noch... oder? *vorsichtig fragt*
Rosetta: Oh, Robin...
Damian: *ihn missmutig anschaut* Ich dachte, man hätte es dir längst gesagt... Robin... Ich weiß nicht, was genau in jener Nacht passiert ist, aber ich weiß, dass... *schluckt* Dass damals sowohl deine Mutter, als auch dein Vater gestorben sind. Sie sind beide... tot...
Robin: *stockt* Du lügst! Chloe hat was anderes gesagt!
Damian: *leicht den Kopf schüttelt* Chloe hat dich angelogen, Robin. Dein Vater wird euch nicht abholen kommen.
Robin trat ein paar Schritte zurück. Er sah Damian sprachlos an. Zum ersten Mal, seit er gelernt hatte, seine Gefühle zu kontrollieren, glaubte er, dass er nicht in der Lage war, wirklich die Kontrolle zu behalten. Sein Vater war tot? Chloe hatte ihn angelogen? Das konnte nicht wahr sein. Chloe würde ihn niemals anlügen. Niemals! Wenn er ihn fragte, dann würde Chloe ihm das sicher auch sagen.
Und ohne weiter nachzudenken, lief Robin los, an Damian und Rosetta vorbei, auf dem besten Weg, direkt zu seinem Bruder. Er musste einfach die Wahrheit wissen!
Atemlos kam Robin am Trainingsraum zum Stehen, in welchem Chloe gerade allein an ein paar Strohpuppen das Kämpfen übte. Überrascht blickte der Blonde auf, als er Robin erblickte, runzelte leicht die Stirn.
Chloe: Robin... Ist etwas passiert?
Robin: Wo ist Papa?
Chloe: *stockt* Wieso fragst du?
Robin: Wo ist er? *langsam auf Chloe zu geht*
Chloe: Er... Ich sagte doch, er ist wegen seiner Arbeit ständig unterwegs. Ich weiß nicht, wo er ist
Robin: Du weißt es nicht, oder du willst es nicht sagen?
Chloe: Was soll das, Robin?
Robin: *schluckt* Er ist tot, oder?
Chloe: *überrascht Luft einzieht* Woher weißt du das?
Robin erstarrte. Aus Schock geweiteten Augen sah er Chloe an. Der Ältere schien selbst gerade seinen Fehler zu realisieren, hielt sich hastig die Hand vor den Mund, zitterte dabei leicht. Er schien nach neuen Worten zu ringen, ehe er die Hand von den Lippen nahm, sie stattdessen nach Robin ausstreckte.
Chloe: Robin, ich...
Robin: Du hast mich angelogen! *laut ruft*
Chloe: *zusammen zuckt*
Robin: Papa ist damals gestorben und du hast es mir nicht gesagt. Du hast mich die ganze Zeit angelogen. Du bist ein Lügner, Chloe.
Chloe: Ich hab es zu deinem Wohl getan, Robin! *aufbrausend sagt* Ich dachte, es sei einfacher, wenn du glaubst, dass er einfach nicht da ist
Robin: Ich dachte die ganze Zeit, dass er uns allein gelassen hat. Ich dachte, er würde uns hassen. Darum hat er uns hier allein gelassen. *schluchzt* Dabei hast du mich nur angelogen.
Chloe: Weil es das Beste war
Robin: Und du gehst mir auch aus dem Weg, weil es das Beste ist?
Chloe: Wie bitte?
Robin: Hältst du mich für blöd? Ich merke doch, dass du nichts mit mir zu tun haben willst. Erst lügst du mich an, dann lässt du mich ein Jahr mit diesem Mann allein und danach willst du auch nichts mit mir zu tun haben. Du hasst mich doch. Dabei hab ich doch gar nichts getan!
Chloe: *die Fäuste ballt* Gar nichts getan? Wenn hier einer irgendwas getan hat, dann ja wohl du. Du bist an allem Schuld!
Robin: *stockt* Eh?
Chloe: Schön, dann hab ich dich eben angelogen. Dann ist Papa eben tot. Na und? Dein Heulen und Jammern wird ihn auch nicht wieder bringen. Und weißt du, wieso? Weil du ihn umgebracht hast!
Robin: *erstarrt* Was?
Chloe: Du und deine blöden, blöden Kräfte. Wenn du nicht gewesen wärst, wär Papa noch am Leben. Aber du musstest ja unbedingt das ganze Haus auseinander reißen. Du bist Schuld, dass alles gebrannt hat und dass Papa in dem Feuer gestorben ist. Du hast ihn umgebracht. Du hast kein Anrecht, um ihn zu jammern
Robin: Du lügst! Ich hab ihn nicht umgebracht!
Chloe: Doch, das hast du! Und es ist deine Schuld, dass wir hier sind. Die Leute sind gekommen, um dich abzuholen. Wegen deinen Kräften. Und darum musste ich auch hierher. Ist mir doch egal, wie dein Jahr ausgesehen hat. Ich hätte ein normales Leben haben können, wenn du nicht gewesen wärst. Du... Du Monster!
Robin: AAAAH!
Mit einem lauten Schrei war Robin auf Chloe zugestürmt, hatte die Faust erhoben und zu geschlagen. Chloe flog zu Boden, riss Robin dabei mit sich mit. Beide schlugen sie wild um sich, während sie sich gegenseitig beleidigten und über den Boden wälzten. Robin schrie dabei immer wieder, wie sehr er Chloe hasste, während Chloe dem nur mit ähnlichen Phrasen entgegen konterte.
Schließlich schaffte Chloe es, mit einem Arm auszuholen, Robin an der Schläfe zu treffen und ihn so von sich runter zu werfen. Hastig krabbelte der Blonde etwas weg, stand schließlich wieder auf, schnappte nach Luft, während sich Robin leise wimmernd den Kopf hielt.
Chloe: Ich will nicht das Geringste mehr mit dir zu tun haben. Gar nichts mehr. Ich hasse dich.
Robin: *zu ihm aufschaut* Ich hab Papa nicht umbringen wollen... *leise schluchzt*
Chloe: *ihn finster anschaut* Aber du hast es getan. *kalt sagt* Papa hatte gesagt, du sollst dich beruhigen. Du hast nicht auf ihn gehört. Du hast keine Entschuldigung... Missgeburt...
Robin hielt inne. Für den Moment hatte die Welt angehalten. Chloes kalte Worte, diese Beleidigung aus dem Mund seines ach so geliebten Bruders... Nie hätte Robin damit gerechnet, dass Chloe einmal so etwas sagen würde. Tränen stiegen ihm auf. Er zitterte leicht, biss sich auf die Unterlippe. Finster sah er zu dem Blonden auf, dessen Gesicht mit einem Mal blasser geworden war. Nur am Rande nahm Robin war, dass er eine der Trainingspuppen aus der Halterung gerissen, schweben gelassen hatte.
Robin: Chloe... *leise sagt* Du bist für mich auch gestorben!
Rasend schnell hatte er die Puppe auf Chloe zu fliegen lassen. Der Blonde hatte keine Zeit gehabt, auszuweichen, wurde frontal davon getroffen und zu Boden gerissen. Robin sah, wie Blut spritzte. Er stand auf, tapste zu Chloe, der unter der Puppe begraben lag. Die Augen geschlossen, die Nase merkwürdig verbogen. Blut floss aus ihr. Doch nicht nur von dort. Ein kleiner Bach schlängelte sich ebenfalls von der Stirn entlang, fand seinen Weg übers Gesicht auf den Boden. Robin atmete hastig. Nur langsam dämmerte es ihm, was er getan hatte. Er hatte die Kontrolle verloren. Er hatte die Beherrschung aufgegeben, seinen Gefühlen freien Lauf gelassen und darüber seine Kräfte walten lassen, ohne nachzudenken. Genau wie damals. Genau wie Zuhause. Er war überwältigt gewesen von Wut und diese Wut war es gewesen, die ihm seine Familie geraubt hatte. Sein Zuhause.
Laut schrie Robin auf, brach unter Tränen zusammen. Er hatte wieder den Fehler begannen, hatte nun auch noch Chloe umgebracht. Er hatte das nicht gewollt. Er hatte das alles nicht gewollt. Warum konnte er seine Fehler nicht wieder rückgängig machen? Chloe sollte wieder leben. Sollte sein Bruder ihn doch hassen, nur bitte, ließt ihn am Leben!
Robin schlug die Augen auf. Er blinzelte zwei, drei Mal, dann saß er aufrecht in seinem Bett. Er blickte sich umher. Er war in seinem Zimmer. Wieso? Was war passiert? Er erinnerte sich noch daran, dass er sich mit Chloe gestritten hatte. Er hatte diese Trainingspuppe geworfen. Er hatte... Chloe erschlagen...
Robin: *schluckt* Chloe...
???: Gut, du zeigst ein schlechtes Gewissen. Ich bin erleichtert
Robin: *aufschaut* Ah, D-Damian...
Damian: *mit verschränkten Armen an der Wand lehnt* Haben dich im Trainingsraum gefunden. Warst völlig in einem Schockzustand. Bist dann irgendwann auch einfach umgekippt. Da hab ich dich hierher gebracht.
Robin: Chloe...?
Damian: Lebt, falls du das fragen möchtest
Robin: *erleichtert ausatmet*
Damian: *ihn mustert* Die Puppe hat ihn sehr hart am Kopf erwischt. Er ist noch bewusstlos. Er wird überleben, aber er wird vermutlich eine ganze Weile auf der Krankenstation liegen. Es hätte nicht viel gefehlt und von seinem Schädel wär nichts mehr übrig gewesen
Robin: *schluckt* *senkt den Blick* Ich... Ich war wütend... Ich hab das nicht gewollt...
Damian: Dessen ist sich jeder hier bewusst. Rosetta und ich haben geahnt, dass es ihr euch raufen könntet. Wir wussten nicht, wie das ausgehen würde, also haben wir vorher einen Erwachsenen benachrichtigt, bevor wir dir hinterher sind. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, damit Chloe in die Notaufnahme konnte. Jeder hier kennt deine Situation. Darum macht dir auch keiner Vorwürfe.
Robin: Bekomm ich Ärger?
Damian: *seufzt* *zu ihm geht* Nein, aber aus Vorsicht heraus, wirst du Chloe vorerst nicht mehr sehen dürfen...
Robin: *schluckt* *nickt leicht* Wie lange?
Damian: Mindestens, bis er wieder aus der Krankenstation entlassen wird. Das wird ein paar Wochen dauern. Wahrscheinlich werden es Monate.
Robin: *zittert leicht* Okay...
Damian: Ihr habt euch so sehr gestritten... Aber du hast deinen Bruder immer noch sehr lieb, oder?
Robin: *sieht ihn an* *nickt leicht* Er ist alles, was ich noch habe...
Damian: *zieht ihn in eine Umarmung* Es tut mir Leid für dich, Robin...
Robin: hnhn...
Damian: *streicht ihm durchs Haar* hey... ich kann auf mich aufpassen. Für jetzt... ist es in Ordnung, wenn du einmal deine Gefühle zeigst...
Robin: *einen Moment zögert* uuuh... Uwaaah *laut losschluchzt* *sich heulend an Damian klammert*
Damian: *ihm weiter beruhigend durchs Haar streicht* Ich hoffe für euch, dass ihr euch wieder vertragen werdet...
Robin weinte weiter. Immer weiter. Zum ersten Mal, seit er hierher gekommen war, hatte er jemanden, der für ihn da war. Der ihm seine Gefühle erlaubte. Zum ersten Mal weinte er nicht in aller Heimlichkeit. Und umso mehr klammerte er sich an Damian, der gerade für ihn wie ein rettendes Licht in dieser schrecklichen Einsamkeit war...
Wochen waren seitdem vergangen. Mittlerweile war Chloe wieder entlassen worden, ging sogar wieder seinem normalen Alltag nach. Robin war in all der Zeit immer in seinem Zimmer gewesen, hatte alles getan, um Chloe unter keinen Umständen über den Weg zu laufen. Selbst als sein Verbot, den Blonden zu sehen, aufgehoben war, schloss er sich lieber in seinem Zimmer ein. Ab und an kam Damian vorbei, leistete ihm etwas Gesellschaft. Doch Robin war wieder zurück gekehrt in seinen Alltag voller Einsamkeit. Ganz gleich, wie sehr diese Einsamkeit auch schmerzte. Sie war einfacher, als Gefahr zu laufen, anderen weh zu tun. Den Kontakt zu Chloe suchte er gar nicht mehr und Chloe suchte auch keinen Kontakt zu ihm. Robin war sich bewusst, dass sein Bruder noch am Leben war, sogar unterm selben Dach wohnte. Doch insgeheim hatte er seinen Bruder verloren und das wohl für immer. Selbst Damians Besuche wurden mit der Zeit immer weniger. Ja, letztlich war Robin wieder allein. Ein Schicksal, mit dem er sich abgefunden hatte. Ein Schicksal, dass sich lange hielt. Bis zu einer bestimmten Begegnung, die seine Welt wieder auf ein neues auf den Kopf stellte...