Laut hallten Mizukis Schritte von den Gängen wieder. Sie hatte längst den Überblick verloren, wo sie sich befand. Sie war einfach dem ersten Flur gefolgt, bis zu einer Abzweigung. Hier hatte sie überrascht festgestellt, dass der eine Gang mit Fackeln beleuchtet wurde, während der andere in Dunkelheit gehüllt war. Zögerlich war sie von da an den Fackeln gefolgt, Abzweigung für Abzweigung, teilweise noch mehr Treppen hinab. Mizuki hatte keine Ahnung gehabt, dass die Kerker so weit gingen. Oder so tief. Es machte ihr Angst, wie wenig sie von diesem Schloss wusste, wenn es doch ihre eigene kleine Welt war. Sie hatte längt alle Orientierung und sämtliches Gefühl für Zeit verloren, als sie einen Gang erreichte, der geradewegs in eine Sackgasse führte, an deren Ende eine Tür war. Sie stand einen Spalt offen, ließ von der anderen Seite her Licht hindurch scheinen. Mizuki schluckte, dann hatte sie den Abstand aber auch schon überbrückt, öffnete die Tür ganz und betrat den Raum.
Verwundert blickte sie sich um. Es wirkte, wie ein altes Teezimmer. In der Mitte stand ein kleiner, runder Tisch mit zwei Stühlen. Die Wände waren mit Regalen und Bildern geziert. Doch beinahe alles war von einer dicken Staubschicht und etlichen Spinnweben bedeckt.
Junge: Du hast dir ja ziemlich Zeit gelassen *aus einer Ecke hervor tritt*
Mizuki zuckte zusammen. Finster starrte sie ihn an, wollte ihn gerade anfauchen, als sie stockte. Zum ersten Mal sah sie den Jungen von nahem, konnte ihn klar erkennen. Er hatte kurzes, wirres und blondes Haar. Er war älter als sie, aber zu jung, um wirklich als Erwachsener durchzugehen. Doch, was sie am meisten stocken ließ, waren diese smaragdgrünen Augen, mit denen er sie fixierte. Mizukis Augen weiteten sich.
Mizuki: I-ich kenne dich! *überrascht ausruft*
Junge: *eine Augenbraue hebt* Ach? *tonlos fragt*
Mizuki: Ich habe dich gesehen. Als ich dieses Tagebuch gefunden habe... In diesen Visionen...
Junge: Das waren keine Visionen! Aber schön, dass du langsam auf den Nenner kommst
Mizuki: Du warst einer der ersten Ringträger... M- Mi-...
Junge: Miles. Mein Name lautet Miles.
Mizuki: Miles... Was meinst du damit, dass es keine Visionen waren?
Miles: Visionen hat man von der Zukunft. Was du gesehen hast, waren Erinnerungen.
Mizuki: Aber wieso hab ich diese Erinnerungen gehabt? Wieso bist du auf einmal hier? Ich versteh das nicht...
Miles: *einen Moment abwägt* Hey, lass uns uns setzen und Tee trinken
Mizuki: Eh? Das ist nicht die Zeit für Tee!
Miles: Das ist mir egal! Und so wie ich das sehe... Hast du auch nicht viel Raum für Diskussion
Mizuki: *ihn böse anschaut* *sich kommentarlos an den Tisch setzt*
Miles: *grinst* *sich ihr gegenüber setzt* Hast du dir eigentlich jemals Gedanken über meine Worte gemacht?
Mizuki: Welche?
Miles: Na, welche wohl?
Mizuki: Du meinst deine Behauptung, dass ich dabei war, als Kodan das erste Mal gehandelt hat, oder?
Miles: Oho, du hast mal was gewusst!
Mizuki: *ihn finster anschaut*
Miles: Aber ja, genau die meine ich.
Mizuki: Nun, natürlich habe ich darüber nachgedacht. Und auch wenn ich vielleicht dabei gewesen sein könnte, ich werde mich wahrscheinlich nicht erinnern können. Kodan hat vermutlich meine Erinnerungen daran gelöscht
Miles: *eine Augenbraue hebt* Nicht alles ist Kodans Schuld. Dass du dich nicht erinnerst, liegt nicht an ihm. Du stehst dir selbst im Weg
Mizuki: Dann sag mir doch, was ich dagegen tun soll, du Neunmalklug!
Miles: *seufzt* Ich hab dir einmal gesagt, dass ich nicht von hier fort kann, selbst wenn ich wollte... Und dass ich von nirgendwo gekommen bin, sondern schon immer da war...
Mizuki: Ja, das hast du...
Miles: Dann beantworte mir meine Frage: Wer bin ich wohl?
Daisuke: Ich fürchte, ab hier ist für euch Endstation...
Damian: *seine Peitsche etwas senken lässt* Daisuke-kun, wir müssen nicht gegeneinander kämpfen...
Daisuke: *hebt nur kurz eine Augenbraue* Nicht?
Damian: Wir haben lang genug in "Nightmare" Zeit miteinander verbracht. Ich bin mir sicher, nicht alles da war gelogen. Anna-san zum Beispiel... Du liebst sie wirklich, oder? Welchen Grund solltest du dann haben, ihr ihren Bruder zu nehmen?
Daisuke: *finster blickt* Ich glaube, du unterschätzt meine Schauspielkunst maßlos, McMillain. Anna war von Anfang an ein Mittel zum Zweck. Ich stehe voll und ganz in Kodans Diensten.
Damian: Und ich glaube, du unterschätzt meine Menschenkenntnis maßlos. Ich habe genug Zeit mit dir verbracht und genug Gelegenheiten gesehen, die beweisen, dass du kein Feind bist. *ihn ernst ansieht* Noch hast du eine Chance, dich auf unsere Seite zu schlagen
Daisuke: Weißt du, Damian... Deine Menschenkenntnis ist ziemlich beschissen, wenn sie dich glauben lässt, ich würde mich auf eure Seite stellen *lässt seinen Revolver sinken* Allerdings hast du Recht, dass wir nicht gegeneinander kämpfen müssen.
Damian: *die Stirn runzelt* Ach?
Schnell hatte Daisuke seine andere Hand gehoben, ein kleines Funkgerät in der Hand. Er sagte lediglich ein einfaches Wort hinein. "Jetzt!" Und unter Rosettas und Damians Füßen klappte der Boden auf, ließ sie beide mit einem überraschten Aufschrei in die Tiefe stürzen. Daisuke steckte das Funkgerät wieder weg, hob nun doch wieder seine Waffe, richtete sie auf Rei und Shinji, welche nur mit leichtem Schrecken auf das Stück Boden schauten, unter welchem ihre beiden Gefährten soeben verschwunden waren.
Daisuke: Der Kampf wird nur zwischen uns sein...
Rei: *finster zu ihm schaut* Was ist mit den Beiden geschehen?
Daisuke: *zuckt leicht mit den Schultern* Wenn ihr mich besiegt, könnt ihr ja nach ihnen suchen.
Shinji: Du... Mit welchem Recht existieren solche elenden Hunde wie du überhaupt? Einfach keinen Dreck geben und mit dem Vertrauen aller spielen...
Daisuke: Die Welt ist ein unfairer Ort, Hino-kun. Und ich bin der Beweis, der dir zeigen wird, dass nicht alles hinter rosarote Scheiben passt
Shinji: *wütend schnaubt*
Daisuke: *zu Rei blickt* Vielleicht wäre es für dich besser gewesen, dich noch ein wenig auszukurieren *gespielt bedauernd sagt* Im Krankenhaus wärst du ein bisschen sicherer gewesen als hier
Rei: Ja, aber im Krankenhaus hätte ich auch nicht die Gelegenheit bekommen, dir ein paar Knochen brechen zu können...
Daisuke: Kein schlechtes Konter... Vielleicht wird das Ganze hier ja noch lustig werden
Rei: *in Kampfstellung geht* Tja, schätze, dann kommen wir wohl wirklich nicht um einen Kampf herum, was? Sind Damian und Rosetta deshalb von uns getrennt worden? Weil sie mit ihren Waffen dir gleichauf gewesen wären?
Daisuke: *lächelt kurz* Strategie ist ein wichtiger Bestandteil fürs Gewinnen, Kojima-kun. Und da wir zu gewinnen gedenken, ist es nur natürlich, dass wir dafür gesorgt haben, dass ihr es besonders schwer bekommt
Shinji: *ebenfalls in Kampfstellung geht* Glaub ja nicht, dass wir so einfach untergehen werden!
Daisuke: Damit habe ich auch nicht gerechnet. Ein wenig Zeit habe ich noch und die plane ich dafür ein, jeden einzelnen Moment dieses Kampfes zu genießen *etwas breiter grinst* und euch schön leiden zu lassen...
Aden: Du hast das alles damals gesehen und seitdem darüber geschwiegen?
Sprachlos sah Aden Robin an. Sie saßen Beide immer noch im Garten und Robin hatte mittlerweile alles über seine Vision vom Schwarzen Sturm und seinen Sorgen in den letzten Tagen und Wochen erzählt. Aden schluckte, als der Jüngere auf seine Frage hin nur leicht nickte.
Aden: Das war wahnwitzig. Natürlich macht es dich fertig, immer wieder Chloes Leiche zu sehen. Du... Wie konntest du nicht früher damit zu jemandem gehen!?
Robin: Ich hab meine Probleme schon immer allein gelöst...
Aden: Aber das ist kein Problem, was man allein lösen kann. Es ist doch absolut offensichtlich, dass, was auch immer in deiner Vision passiert, von Kodan ausgelöst wird. Wir kommen schon alle zusammen kaum gegen ihn an. Was hast du dir dabei gedacht, SO etwas dann allein bekämpfen zu wollen?
Robin: Das weiß ich nicht...Ich... ich glaub, ich wollte nur nicht, dass Chloe erfährt, dass ich... seinen Tod gesehen habe... Dass ich weiß, wer ihn umbringen wird...
Aden: Das... ist ein Detail, das du mir auch noch nicht gesagt hast... *schluckt* Robin, wen hast du da noch in der Vision gesehen?
Robin: *die Fäuste ballt* Kanbara Kazuo... *leise sagt*
Aden: *die Augen weitet* Kanbara... Aber... wieso sollte er das tun?
Robin: Ich glaube, dass Kodan ihn dazu manipuliert. Er... Ich habe die ganze Zeit, seit die Anderen aufgebrochen sind und ich diese Vision hatte, ein ungutes Gefühl. Was auch immer Kodan für ein merkwürdiges Ritual plant, es wird nichts Gutes sein. *sieht Aden an* Die Anderen laufen ihm gerade blind in die Falle
Aden: Dann... Dann sollten wir das verhindern! *aufspringt* Vielleicht haben wir noch eine Chance!
Robin: Weißt du, wie viel Zeit vergangen ist? Wir würden sicher zu spät kommen
Aden: Das kann man vorher nie sagen! Robin... Wenn das, was du sagst und glaubst, richtig ist, dann entscheidet sich vermutlich heute, ob Kodan fähig sein wird, unsere Welt ins Chaos zu stürzen und ob Chloe sterben wird oder nicht. Das ist nichts, bei dem man direkt aufgeben sollte. Egal, wie hoffnungslos es sein mag, aber wir sollten versuchen, alles zu tun, was in unserer Macht steht.
Robin: *zu ihm aufschaut* Was in unserer Macht steht... ?
Aden: *ihm die Hand reicht* Du willst nicht, dass Kodan gewinnt, richtig? Dann solltest du mehr tun, als nur stumm zu heulen und über Niederlagen jammern, die noch nicht geschehen sind. Noch ist nichts verloren. Also komm! Lass uns zusammen kämpfen!
Einen Moment lang zögerte Robin noch. Dann aber ergriff er Adens Hand, ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. Und gemeinsam liefen sie los.
Mizuki derweil hatte bei Miles' Frage gestockt. Sie verstand nicht ganz, worauf Miles hinaus wollte, doch sie beschloss, sich erst einmal auf sein kleines Spiel einzulassen und über seine Worte nachzudenken. Miles war einer der ersten Ringtäger überhaupt gewesen. Aus den Erinnerungen aus dem Tagebuch wusste sie das. Er war der Jüngste von ihnen gewesen und er war mit jemand anderem liiert gewesen. Der Kojima Ryo der ersten Generation hatte diese Beziehung schlecht geheißen und wenn Mizuki die letzte Erinnerung richtig deutete, dann war auch irgendetwas wirklich schief gegangen. Nur ob es mit Miles gewesen war, das konnte sie nicht sagen. Aber wieso konnte sie sich an Dinge erinnern, die mit Miles zu tun hatten? Wieso war Miles hier?
Miles: Hör mal, ich geb dir einen kleinen Tipp. Kodan hat über längere Zeit etwas geplant. Und am Ende dieser Zeitspanne hat Kodan jemanden umgebracht. Und das fand "Kojima" nicht in Ordnung
Miles hatte damals Kojima anders betont. Was war, wenn er damit nicht ihren Kojima Ryo gemeint hatte, sondern seinen? Aber wie sollte das mit Kodan zusammen hängen? Wieder kam ihr die letzte Erinnerung in den Sinn. Jener Altar, jenes schwarze Feuer, dieser Mann mit den längeren braunen Haaren, der Kodan so ähnlich sah... Mizukis Augen weiteten sich.
Mizuki: Du... bist ich...?
Miles: Das hat ja jetzt lang genug gedauert...
Mizuki: Aber... wie?
Miles: *aufsteht* *zu ihr kommt* Das Leben hat uns eine zweite Chance gegeben. Ich bin wiedergeboren worden. Du bist mein neues Leben. Wir sind dazu da, um Kodan aufzuhalten, weil wir es sind, die noch am besten wissen, was sein Plan ist
Mizuki: Weil wir schon einmal da waren... Kodan ist... Ist er auch wieder geboren worden?
Miles: Ich weiß nicht, ob er bis heute auf unerklärliche Weise überlebt hat oder ob er wie wir wieder geboren worden ist...
Mizuki: Er wusste von uns, oder?
Miles: Das ist die einzige Erklärung, warum er dich entführt und bei sich gehalten hat. Um mich zu versiegeln und zu verhindern, dass du ihm mit deinen Erinnerungen im Weg stehen wirst
Mizuki: Das macht Sinn... *zu ihm aufsieht* Aber wieso hast du nicht gleich gesagt, was du für mich bist?
Miles: Hättest du es mir geglaubt?
Mizuki: *stutzt* Nein... vermutlich nicht...
Miles: Und darum musste ich zuerst Brotkrummen verstreuen
Mizuki: *nickt leicht* Und was nun?
Miles: *ihr die Hände auf die Schultern legt* Du musst mich als Teil von dir anerkennen. Das müsste dafür sorgen, dass du all meine Erinnerungen bekommst...
Mizuki: Aber... bleib ich dann noch ich?
Miles: *kurz stockt* *hörbar ausatmet* Ich bin jung gestorben... Aber ich habe keinerlei Interesse daran, noch einmal zu leben. Ich hab meinen Tod akzeptiert. Das alles hier ist dein Leben und ich werde es dir nicht streitig machen. Meine Erinnerungen werden dir lediglich helfen. Aber ich habe nicht vor, deine Existenz hier streitig zu machen
Mizuki: *nickt leicht* Okay, dann... *atmet tief durch* Sollten wir uns daran machen, dass ich mich endlich wieder erinnere.
Miles: *grinst* Das ist die richtige Einstellung!