Beinahe eine Woche verging. Die Prügelei zwischen Ryo und Finlay war von allen ein totgeschwiegenes Thema. Jeder konnte die geschwollenen Wangen und aufgeplatzten Lippen sehen, doch niemand fragte nach, was passiert war. Finlay und Ryo mieden sich so gut es ging – in erster Linie, weil Saya ein Auge darauf hatte, dass Ryo Finlay nicht weiter verfolgte. Ein Unterhaben, das anfangs noch Erfolg verzeichnete, mit der Zeit aber doch schwerer wurde. Ryo schaffte es regelmäßig, Sayas Aufsicht zu entkommen, kaum dass sie einen Moment lang nicht aufpasste. Und in ihren täglichen Trainingseinheiten mit Ian war Ryo sowieso stets frei, beobachtete dabei immerzu Finlay, wenn auch aus sicherer Entfernung. Noch immer gefiel ihm nicht die Gesamtsituation. Für alle erschien es wie Frieden, aber für ihn selbst war es mehr die Ruhe vor dem Sturm. Und für Finlay garantiert auch, verbrachte dieser doch immer mehr Zeit eingesperrt in seinem Zimmer und fernab von den Anderen. War er mal nicht in seinem Zimmer, so war Miles stets in seiner Nähe.
Einmal nutzte Ryo diese Gelegenheit, schlich sich nochmal in Finlays Raum in der Hoffnung, nicht doch noch etwas Nützliches zu finden, doch nach wie vor war alles in ihm unbekannten Sprachen verfasst. Dafür hatten sich die Kugeln auf dem rätselhaften Gerüst weiter bewegt, waren der Konstellation einer parallelen Reihe noch näher gekommen. Ryo hatte sich den Kopf darüber zerbrochen, was das alles zu bedeuten hatte, doch egal wie lange er davor stand und die Ringe und Bälle musterte, es machte einfach keinen Sinn für ihn.
Schließlich hatte er es aufgegeben, stattdessen seine Aufmerksamkeit wieder auf die Person seiner Probleme gerichtet. Was ihm dabei aufgefallen war, war, dass Finlays gesamte Mimik und Gestik Veränderungen aufgewiesen hatte. Anfangs hatte es Ryo nur für eine Einbildung gehalten, doch je länger er seine Zeit damit verbrachte, Finlay zu beobachten, desto offensichtlicher war es geworden. Hatte am Anfang von allem Finlay oftmals in Miles' Gegenwart ein warmes Lächeln gehabt und allen Anderen gegenüber höflich gewirkt, eine lockere Haltung gehabt, so war er mittlerweile deutlich angespannter. Öfters verließen die freundlichen Ausdrücke sein Gesicht, wichen kühlen, berechnenden Augen und einem Mund, der sich zu einer kalten Grimasse zog, oder gar nicht erst eine Regung zeigte. Doch, was Ryo wirklich aus der Fassung brachte, war als er eines Nachmittags auf dem Weg zu Saya an Finlays Raum vorbei kam und ein lautes Lachen vernahm. Ein Lachen, bei dem es ihm kalt über den Rücken lief und das er schlichtweg nicht anders beschreiben konnte als mit purem Wahnsinn. Wie er so schnell den Weg zu Saya gefunden hatte, konnte er im Nachhinein gar nicht mehr erklären.
Ryo: Saya, ich will, dass wir von hier verschwinden!
Saya: Eh? *überrascht blickt*
Ryo: Du hast schon gehört. Pack deine Sachen, morgen früh brechen wir auf!
Saya: Was? Wieso?
Ryo: Weil ich mich weigere, dich noch einen Tag länger hier zu lassen. Irgendetwas wird noch passieren, ich weiß es einfach, und ich will dich dann nicht in der Nähe wissen. Nimm meinetwegen den Ring mit, aber wir werden nicht noch länger hier bleiben.
Saya: *den Kopf schüttelt* Ryo, bist du jetzt vollkommen durchgedreht?
Ryo: Saya, ich mein es ernst! *lauter wird*
Saya: *ebenfalls lauter wird* Und ich habe meine Frage auch ernst gemeint!
Ryo: *einen genervten Laut von sich gibt* Saya! Was hab ich bitte getan, dass du mir auf einmal nicht mehr vertraust?
Saya: Du spielst dich schon so misstrauisch auf, seit wir Japan verlassen haben! Du hast so gut wie nichts Positives über diese Reise und über sonst was gesagt. Und ich glaube, dass du einfach nur nach einem Grund suchst, mich wieder nach Hause schleppen zu können!
Ryo: Was? *unverständlich die Arme hebt* Saya, alles, was ich im Kopf habe, ist deine Sicherheit. Dein Wohlergehen. Und ich kann dir garantieren, dass du hier nicht sicher sein wirst
Saya: *die Fäuste ballt* Aber vielleicht will ich auch gar nicht sicher sein! Ich will glücklich sein, Ryo, und hier bin ich glücklich! *schreit*
Ryo: *stockt* Wa-Was?
Saya: Ich bin mir sicher, du hast mich verstanden. Mir ist es egal, ob das alles mit den Ringen und den Flammen irgendwie gefährlich werden könnte. Ich beherrsche mittlerweile die Flammen recht gut und ich hab mein Leben lang die Schwertkunst gelernt. Ich kann mich verteidigen. Ich kann kämpfen, wenn es gefährlich wird. Alles, was ich will, ist einfach nur, glücklich werden. Zuhause kann ich das einfach nicht. Aber hier, hier bin ich glücklich. Die Zeit hier ist die schönste Zeit meines Lebens *schluchzt* Warum verstehst du das denn nicht?
Ryo: Saya... Aber... ich dachte, solange wir uns haben, ist es egal, wo wir sind... Wir könnten überall glücklich sein...
Saya: Du bist nicht alles in meinem Leben, Ryo! Nur weil du dich nie um wen anders als mich gekümmert hast, heißt das nicht, dass ich das auch bei dir getan habe!
Ryo: *schluckt* *den Kopf sinken lässt* Ich verstehe... Das ist es, wie du wirklich denkst, oder? Dann... bitte... Wenn du glaubst, allein zurecht zu kommen, dann lass ich dich fortan in Ruhe... *sich einfach abwendet*
Saya: Ah, Ryo, war-
Doch Ryo war bereits wieder aus dem Raum raus. Saya sah ihm einen Moment lang noch nach, bevor sie leise schluchzte und schließlich den Tränen ihren Lauf ließ.
Hart prallte Ryos Faust gegen die Wand, als er dagegen schlug, dabei laut fluchte. Er hatte nicht mit so harten Worten von Saya gerechnet. War er ihr wirklich so lästig? Waren all die Jahre, die sie gemeinsam gespielt und trainiert haben, so bedeutungslos gewesen? Nein, er wollte das nicht glauben. Sie beiden waren aufgewühlt gewesen, zwei Seiten einer Medaille. Es war die Wut, die aus ihnen gesprochen hatte. Die Wut darüber, dem Anderen nicht klar sagen zu können, was man dachte. Sicher hatte Saya es nicht so gemeint. Sicher würden sie sich wieder vertragen. Und doch... Und doch fühlte sich Ryo in diesem Moment ganz allein. Er fühlte sich im Stich gelassen, fast schon hilflos in einem hoffnungslosen Kampf. Aber er würde nicht aufgeben. Er konnte nur allzu deutlich sehen, dass sich Finlay verändert hatte. Wahnsinn hatte ihn durchfressen. Er musste es nur noch den Anderen klar machen. Er musste sie nur irgendwie davon überzeugt bekommen. Und vor allem musste er Miles davon überzeugen. Ja, Ryo war sich sicher, wenn er nur irgendwie Miles auf seine Seite bekam, dann war der Kampf gewonnen. Alles stieg und fiel mit Miles. Und genau zu diesem lief er nun auch.
Ryo: *in den Garten kommt*
Miles: *gerade zur Tür rein wollte* Oh, Ryo... *trocken sagt*
Ryo: Ich will mit dir reden *direkt sagt*
Miles: Ich bezweifle, dass wir irgendetwas zu Bereden haben *an ihm vorbei will*
Ryo: *ihn am Arm packt* Da bin ich anderer Meinung
Miles: Lass los! *sich von ihm los reißt* *ein paar Schritte zurück geht* Was zum Henker willst du?
Ryo: Ich will dich zur Vernunft bringen
Miles: *einen verächtlichen Laut von sich gibt*
Ryo: Du kannst mir nicht sagen, dass dir nicht auffällt, was los ist. Nicht, wo du so viel Zeit mit Sullivan verbringst!
Miles: Was los ist? Das einzige, was los ist, ist, dass du immer noch an falschen Anschuldigungen festhängst!
Ryo: *den Kopf schüttelt* Komm schon, du kannst nicht so schwer von Begriff sein, dass dir nicht aufgefallen ist, dass er sich verändert hat. Jeder, der nur etwas aufmerksamer hinschaut, sieht doch, dass Finlay nicht einmal mehr dem ähnelt, was er noch vor einer Woche war. Er wird euch noch hintergehen!
Miles: Das ist doch Wahnsinn. Finlay ist Finlay. Gar nichts hat sich an ihm verändert und er wird uns auch nicht hintergehen!
Ryo: *die Fäuste ballt* Verdammt, Miles, du kannst nicht ewig vor der Wahrheit davon laufen!
Miles: ICH laufe nicht vor der Wahrheit davon. DU bist derjenige, der die Wahrheit nicht sehen will, Ryo!
Zero: *hinzukommt* Ihr seid ziemlich laut. Ist etwas los?
Miles: Warum fragst du nicht Ryo? Er behauptet steif und fest, Finlay sei ein Verräter!
Ryo: Ich behaupte es nicht nur, ich weiß es!
Miles: Du weißt überhaupt nichts!
Zero: *das Ganze beobachtet* Miles. Hast du dir seine Argumente einmal in Ruhe angehört?
Miles: *stockt* Zero... Sag bloß, du stimmst ihm zu!
Zero: Ich stimme niemandem zu. Aber mich würde es nicht wundern, wenn es unter uns eine unläutere Person gibt.
Miles: *schnaubt* Du bist doch genauso verrückt wie er! *davon stürmt*
Ryo: Miles, warte! *ihm nachruft* *schließlich flucht* Warum nur hört mir keiner in diesem Haus zu, verdammt!?
Zero: *die Arme verschränkt* Vielleicht, weil du noch nicht mit den richtigen Personen gesprochen hast
Ryo: *zu ihr schaut* Ach ja?
Zero: Setzen wir uns irgendwo hin und dann werde ich dir zuhören. Ich werde dir nicht versprechen, deine Meinung zu teilen, aber ich werde sie neutral beurteilen
Ryo: Neutral, huh? Gibt es überhaupt jemanden hier, der nicht schon voreingenommen ist?
Zero: Ja, mich. *weiter in den Garten geht* Mir ist von klein auf eingebläut worden, niemals blind dem zu vertrauen, was man mir sagt oder zeigt. Wenn jemand mit mir spricht, nehme ich immer zuerst an, dass seine Worte eine Lüge sind. Erst danach schau ich, ob sie nicht doch der Wahrheit entsprechen
Ryo: *ihr folgt* Wow, und ich dachte, ich sei misstrauisch. Aber mit der Einstellung... Ich verstehe, warum du mir zu Beginn die Klinge an den Hals gesetzt hast
Zero: *ihm kurz ein Lächeln schenkt*
Ryo: Es muss schwer sein, so zu leben
Zero: Man gewöhnt sich daran. Aber ich gebe zu, es macht das Leben etwas mehr... einsam *sich auf eine Bank setzt*
Ryo: Glaub ich nur zu gern... *sich neben sie setzt*
Zero: Also? Mir ist bewusst, dass zwischen dir und Sullivan eine gewissen... Spannung herrscht. Mir ist nicht entgangen, dass ihr eine Auseinandersetzung hattet und aus dem Gespräch gerade gehe ich davon aus, dass es daran liegt, dass du ihm als Ringträger nicht vertraust
Ryo: Ich vertrau ihm generell nicht. Aber als Ringträger noch weniger. Oder besser gesagt, als Ringträger unter allen anderen...
Zero: *hebt eine Augenbraue* Das musst du mir genauer erklären
Ryo: *nickt leicht* Wo fang ich wohl am besten an...?
Kurzerhand beschloss Ryo einfach am Anfang zu beginnen. Er erzählte von seiner ersten Begegnung mit Finlay, von seiner ersten Auseinandersetzung mit ihm kurz nach der Ringübergabe. Er berichtete von dem Gespräch zwischen Ian und Finlay, von Finlays Raum und dem rätselhaften Kugelgerüst und nicht zuletzt von seinen Beobachtungen der letzten Tage. Am Ende fasste er noch einmal seine eigene Vermutung in klare Worte: Finlay plante irgendetwas Großes, wofür er alle Ringe an einem Ort brauchte. Und was auch immer es war, dass er plante, es stand kurz bevor und war mit Sicherheit nichts Gutes.
Zero: *für geraume Zeit geschwiegen hat* *sich nun zurück lehnt* Ich verstehe, wieso dir niemand glaubt. Nichts davon klingt wirklich handfest.
Ryo: *die Schultern sacken lässt*
Zero: Aber aus Erfahrung weiß ich, dass der eigene Instinkt meist das Ausschlaggebende ist
Ryo: *aufhorcht* Heißt das...
Zero: Ich weiß nicht, ob ich dir glauben schenken soll. Aber was du über das Gerüst gesagt hast, gefällt mir nicht. Oder darüber, dass Sullivan uns für irgendetwas hier behalten will...
Ryo: Stimmt, jetzt wo du es nochmal sagst... Du hattest doch schon vor Tagen überlegt, wieder abzureisen.
Zero: *nickt* Sullivan ist noch einmal auf mich zugekommen und hat mich darum gebeten, noch ein wenig länger zu bleiben. Er hatte gesagt, dass er im Namen von McMillain und McAlister darum bittet und darum keine konkreten Gründe nennen konnte. Ich dachte mir, dass es sicher nur weiter um die Nebenwirkungen der Ringe ging, also habe ich nicht nachgefragt. Aber nun...
Ryo: McMillain hatte gesagt, dass er nicht vor hatte, uns noch länger hier zu behalten. Ich bin mir sicher, dass ich das so gehört habe. Sullivan war sauer darüber, dass er McMillain nicht anderweitig überzeugt bekommen hat.
Zero: Und in Folge dessen hat er mir eine falsche Nachricht zukommen lassen...
Ryo: Was den Verdacht, dass er etwas plant, nur noch weiter bestätigt...
Zero: . . . In der Tat...
Ryo: *seufzt* Zero... ich... *sieht zu ihr* Danke...
Zero: Wofür?
Ryo: Dafür dass du zuhörst. Und nicht auf Anhieb meine Worte ablehnst. Das ist mehr, als ich in den letzten Wochen bekommen habe
Zero: Saya glaubt dir nicht?
Ryo: *bedrückt wegsieht* Nein...
Zero: Verstehe. Sie glaubt dir nicht und du kannst sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Das ist bedauerlich
Ryo: Ich kann niemanden überzeugen! Gillian schenkt mir keinen Glauben, Saya nicht. Miles auch nicht. Und solang es keiner von denen tut, brauch ich es bei McMillain oder Yu gar nicht erst versuchen...
Zero: *ihn mustert* Nun... ich kann nicht sagen, dass ich dir hundertprozentig glaube, aber ich lehne die Möglichkeit, dass du Recht hast, nicht ab. Sullivan verhält sich in der Tat merkwürdig. Zumindest in den letzten Tagen. Ich werde ihn genauer im Auge behalten. Und du, du solltest fürs Erste zur Ruhe kommen. Du hast in den letzten Tagen nur an Sullivan gedacht. Wenn er, wie du sagst, besessen von den Ringen ist, dann bist du besessen von ihm und das ist nicht gut. Nimm dir Zeit für dich, sortier deine Gedanken neu, entspann dich.
Ryo: Aber-
Zero: ICH übernehme. Ich werde Sullivan für dich im Auge behalten. Also geh schon.
Ryo: *zögert* *dann aber aufsteht* Zero... Nochmals vielen Dank, für alles
Zero: *nur eine abwinkende Handbewegung macht*
Ryo schenkte ihr noch ein letztes Lächeln, dann ging er. Zero hatte Recht. Er war so lange schon mit Finlay beschäftigt, dass er nicht einmal mehr wusste, was er sonst so in diesem Haus gemacht hatte. Einmal sich früh ins Bett legen und zu schlafen, würde ihm sicher eine Menge helfen, wieder etwas klarer im Kopf zu werden.
12. Juli 1808
Saya verbringt ihre Zeit nur noch mit den anderen Ringträgern, in erster Linie Yu. Mich hat sie völlig ausgeblendet. Ob sie noch weiß, dass ich ihr bester Freund bin? Mir soll es gerade ehrlich gesagt Recht sein. Ich konzentriere mich doch gerade eh nur darauf, meinen Verdacht zu bestätigen. Ich hatte gehofft, Miles würde langsam etwas bemerken und mir etwas mehr entgegen kommen, aber er steht voll und ganz auf der Seite von diesem Bastard. Allmählich fange ich an, ihn mit vollem Herzen zu hassen. Wie er mich arrogant angrinst. Als ob er weiß, dass ich weiß, dass er unser Feind ist, aber er sich völlig sicher ist, dass ich ihm niemals etwas beweisen könnte. Und ohne Beweise wird mir keiner der Anderen glauben. Zumindest die meisten. Zu meiner Überraschung hat sich Zero heute meine Vermutungen angehört. Sie hat zwar nicht gesagt, dass sie mir glaubt, aber sie schenkt meinen Zweifeln mehr Beachtung als die Anderen. Und das ist zumindest ein Anfang.