Regen. Seit Finlay das Anwesen verlassen hatte, regnete es nur noch in Strömen. Ein Gewitter, das gar nicht mehr aufhören wollte. Miles hatte in all der Zeit sein Zimmer nicht mehr verlassen. Laut Gillian lag Miles nur noch im Bett und weinte. Saya hatte am Tag nach dem Streit alles von Ian und Gillian gehört und war daraufhin zu Ryo gestürmt, um ihn zurecht zu stutzen. Zwar hatte sich Ryo entschuldigt, Saya war aber dennoch sauer genug gewesen, um ihn fortan zu ignorieren. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig und allein Yu, welcher sie regelmäßig aufmunterte, dass sich die Lage schon noch wieder beruhigen würde. So ganz glaubte er seinen eigenen Worten allerdings nicht. Ryo selbst war seitdem von allen als Außenseiter behandelt worden. Ian ignorierte ihn vollkommen und auch Gillian mied ihn so gut er konnte. Lediglich Zero suchte vermehrt seine Nähe, um ihm Beistand zu leisten.
Zero: *in Ryos Zimmer am Fenster steht und hinaus schaut* Ein weiterer Tag ohne Sonne...
Ryo: Ja... *demotiviert auf seinem Bett liegt* Liegt das an den Ringen?
Zero: Nun, sie heißen Wettersteine... Es wäre nicht verwunderlich...
Ryo: *richtet sich auf* Ich finde es beunruhigend, wie einfach sie solche Unwetter schaffen können
Zero: Ich auch. Aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist. Nicht mit so kleinen Steinen.
Ryo: Aber der Regen ist da
Zero: Ja... Ein Sturm, der die meisten Wetterelemente vereint... Ich denke, er rührt daher, dass alle Ringträger so erschüttert sind.
Ryo: Erschüttert?
Zero: Keiner von uns weiß noch so Recht, was nun richtig ist und was nicht.
Ryo: Und das alles nur wegen mir... "Wächter für die Wächter"... *abfälligen Laut macht* Ja klar... Ein schöner Wächter bin ich...
Zero: *zu ihm sieht* Du hast getan, was du für richtig gehalten hast
Ryo: Ja, und ich habe damit alles ruiniert
Zero: Sag das nicht. Sullivan ist fort. Vielleicht hast du damit das Schlimmste verhindert
Ryo: Du meinst, ein Übel im Austausch für ein anderes sei richtig gewesen?
Zero: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wenn du dich nun in Reue suhlst, war alles vergebens. Du darfst niemals bereuen. Denn nur dann hast du verloren.
Ryo: Niemals bereuen... *humorlos auflacht* Sag bloß... Du hast noch nie etwas bereut in deinem Leben.
Zero: . . . Nein, nie.
Ryo: Das glaube ich nicht!
Zero: *einen Moment schweigt* Sagt dir der Name "Kerberos" etwas?
Ryo: Nein...
Zero: Es ist eine alte Organisation, die Kinder entführt und sie in Trainingslagern zu professionellen Killern und Geheimagenten ausbildet. Jene, die nicht gut genug sind, sterben. Nur die Besten überleben und sie überleben nur, indem sie die wenigen Jahre ihres alten Lebens aufgeben und niemals zurück blicken.
Ryo: *die Augen weitet* Sag bloß...
Zero: 'Zero' wie in 'Nichts', weil ich nichts habe. Keine Familie, keinen Namen, keine Vergangenheit... Ich schau nicht zurück und deshalb bereue ich auch nichts.
Ryo: Aber... Das ist doch kein Leben...
Zero: Ich habe nie behauptet, zu leben. *auf ihre Ringhand schaut* Der Ring ist das Einzige, das ich wirklich habe. Das mich zu jemanden macht. Wenn die Gefahr besteht, dass Sullivan dieses bisschen ruinieren könnte, dann bin ich bereit, alles zu riskieren, damit dem nicht so ist. Und deshalb bin ich auch der Überzeugung, dass du richtig gehandelt hast. Wenn du jetzt das alles bereust, dann lässt du uns beide versagen. Und das lasse ich nicht zu.
Ryo: *stockt* *dann aber lächelt* Du hast Recht... Meine Entscheidungen sind es, die mich ausmachen. Wenn ich die nicht akzeptiere, verleugne ich mich selbst. Und das geht nicht.
Zero: Ganz genau!
Ryo: *lächelt sie an* Danke, Zero...
Zero: *ebenfalls lächelt* Keine Ursache...
Am Abend waren Ryo und Zero auf dem Weg zum Speisesaal. Sie waren gerade um die Ecke gebogen, da hielten sie inne, sahen am anderen Ende des Gangs direkt vor der Tür zum Speisesaal Miles stehen, der allem Anschein nach damit zögerte, den Saal zu betreten. Langsam kamen Ryo und Zero auf ihn zu. Als er die nahenden Schritte hörte, zuckte er merklich zusammen, sah aufgeschreckt zu ihnen. Sein Blick verfinsterte sich direkt, als er Ryo erkannte.
Ryo: Miles, wie geht es dir? *vorsichtig fragt*
Miles: Als ob es dich interessiert, wie es mir geht...
Ryo: Ich mein meine Frage ernst. Ich sorge mich um dein Wohl
Miles: *kalt auflacht* Wenn du dich um mein Wohl sorgen würdest, hättest du nicht so gekonnt alles zerstört, was mir wichtig gewesen wäre!
Ryo: *kurz das Gesicht verzieht* Miles... Sullivan ist kein guter Einfluss für dich... Ich gebe zu, ich bin kein Freund gleichgeschlechtlicher Liebe, aber ich verurteile niemanden für das, was er ist oder was er liebt. Mir wäre es egal, wenn du einen neuen Mann findest, aber Sullivan war einfach... schlecht.
Miles: Für dich ist Finlay doch nur schlecht, weil du ihn von Anfang an nicht mochtest. Aber du kennst ihn nicht solange und so gut wie ich! Finlay ist einer der nettesten und liebevollsten Menschen überhaupt gewesen. Er hat mich immer behandelt, als wären wir gleichauf. Nicht so wie Gillian und Ian, die mich immer nur als kleines Kind abgetan haben
Ryo: . . . Aber im Vergleich zu ihnen bist du mehrere Jahre jünger. Jahre, die du noch Zeit hast, Kind zu sein. Und diese Chance solltest du nutzen. Ian und Gillian wollen doch nur dein Bestes.
Miles: Das wollte Finlay auch! Aber er hat mir mehr zugetraut.
Ryo: *den Kopf schüttelt* Mehr Zutrauen ist nicht immer gleichzusetzen mit Fürsorge!
Zero: Da stimme ich Ryo zu. Gib einem Kind eine Waffe und lehre ihm den Gebrauch und er wird glauben, dass du das Beste für es im Sinn hast, wenn du in Wirklichkeit nur das Beste für dich selbst im Sinn hast, indem du das Kind nach deinem Interesse aufziehst.
Miles: *Zero ungläubig anschaut* Das ist doch absoluter Schwachsinn!
Zero: Es ist eine Methode, die Erwachsene oft benutzen
Miles: 'Erwachsene'. Und ich bin nicht erwachsen, oder wie?
Zero: Du kannst noch viel lernen.
Miles: Hört ihr euch eigentlich mal selber reden? Ihr tut so, als ob ihr alles wüsstest und ach so schlau seid, aber ihr seid doch nicht viel älter als ich. Und ihr habt doch beide gar keine Ahnung davon, wie die Dinge hier ablaufen, weil ihr doch gar nicht von hier stammt!
Ryo: Ich muss doch nicht hier geboren sein, um zu verstehen, wann ein Mensch ein abgekartetes Spiel spielt!
Miles: Nein, vielleicht nicht, aber mehr Zeit hättest du trotzdem gebraucht. Dann hättest du nämlich erkannt, wie scheiße deine Menschenkenntnis ist und dass du dich in Finlay vollkommen geirrt hast!
Ryo: Das-
Miles: Gib doch einfach zu, dass du keine Ahnung von nichts hast! Du bist doch einfach nur neidisch auf uns und unsere Flammen, weil du keine hast!
Ryo: Ich bin froh, keine zu haben! *dazwischen ruft*
Miles: Ja, klar, als ob! Du redest ständig davon, dass du das alles hier hasst und wieder hier weg willst und trotzdem bist du noch da. Weil es dich in Wirklichkeit interessiert und du neidisch auf das bist, was du nie sein wirst. Ganz anders als wir und ganz anders als deine Freundin!
Ryo: Wa-?
Zero: Miles, du regst dich zu sehr auf.
Miles: Ich reg mich zu sehr auf? Ich hab ja wohl allen Grund dazu. Immerhin habt ihr Zwei alles kaputt gemacht, was mir wichtig war, während ihr selbst noch ach so glücklich zusammen sein könnt!
Ryo: Aber wir sind doch gar nicht...
Miles: Als ob ihr nicht was am Laufen habt. Ihr verbringt doch keine Sekunde mehr auseinander. Du ruinierst hinterrücks anderen Leuten ihre Liebe, während du selbst glücklich bist. Du bist ein Heuchler, Kojima!
Ryo: Ich bin viel, aber sicher kein Heuchler!
Miles: Und wie du das bist! Du... Du tätest allen einen Gefallen, wenn du gar nicht erst da wärst!
Zero: *sich anspannt* Miles.
Ryo: Miles, beruhig dich wieder!
Miles: *ihn finster anschaut* Du hast mir gar nichts zu sagen... *die Fäuste ballt*
Zero: Miles. *ihn vorsichtig beäugt* Was hast du vor?
Miles: Das, was ich längst hätte tun sollen. Ich werde diesen Bastard fertig machen
Ryo: Dazu hast du doch gar keine Chance!
Miles: Unterschätz mich nicht! *seine Augen schließt*
Einen Moment passierte nichts. Dann stieß Miles nach hinten gegen die Wand. Ryo wollte schon zu ihm laufen, da spürte er, wie ihm die Sicht verschwamm und er selbst ins Taumeln geriet. Er hörte Zero seinen Namen rufen, wenn auch recht dumpf.
Dann ertönte ein lauter Knall und sowohl Ryo als auch Miles zuckten merklich zusammen. Ryo verlor endgültig das Gleichgewicht, fiel zu Boden. Zero hockte direkt neben ihm. Miles war selbst an der Wand nach unten gerutscht. Und am anderen Ende des Ganges stand Ian, einen Arm erhoben und in der Hand einen rauchenden Revolver, mit dem er kurz zuvor in die Decke geschossen hatte.
Ian: Miles... Was sollte das?
Miles: *nach Luft schnappt* *Ian wütend anfunkelt* Ich...
Ian: *den Kopf schüttelt* Deine Fähigkeit ist nicht zum Kämpfen da. Und erst Recht nicht dafür, um andere Leute zu verletzen. Du kannst sie nicht so missbrauchen!
Miles: Er hat es verdient!
Ian: *den Kopf schüttelt* Finlay hat gesagt, er kommt zurück. Behandel das alles nicht so, als wäre alles schon vorbei.
Miles: Du kannst Kojima doch auch nicht ausstehen!
Ian: Deswegen versuch ich noch lange nicht, ihn umzubringen! *sich mit der Hand durchs Haar fährt* Das sollte alles nicht so kommen... *murmelt*
Ryo: *sich langsam aufrichtet* McMillain-dono... Es tut mir Leid, dass ich so viel Ärger bereite...
Ian: *kurz Ryo ansieht* *den Blick dann aber auch wieder abwendet* Tu mir einfach den Gefallen und geh fürs Erste. Lass dir dein Essen aufs Zimmer bringen, aber hier wird deine weitere Anwesenheit keine Hilfe sein.
Ryo: *den Blik senkt* *nickt* Natürlich.
Zero: Ich begleite dich.
Ryo wandte sich ab, verließ zusammen mit Zero hastig den Ort des Geschehens. Ian blickte ihm kurz noch nach, bevor er sich wieder Miles zuwandte und diesem erst einmal eine ordentliche Standpredigt hielt
Nachts lag Miles noch lange wach. Er revidierte alles, was in den letzten Wochen passiert war. Der heutige Streit mit Ryo hatte ihm eine Sache vor Augen geführt: Egal, was Ian sagte, insgeheim war er doch derselben Meinung wie der Japaner. Sonst hätte er sicher nicht Miles davon abgehalten, ihn fertig zu machen. Und immer wieder zwischen all seinen Gedanken kam ihm immer wieder eine Aussage Finlays in den Kopf: "Es ist die Schuld der Ringträger. Ian hat sie nicht gut ausgewählt."
Immer und immer wieder hörte er diesen Satz, sah Finlay dabei vor seinem inneren Auge. Und Miles konnte ihn einfach nicht ignorieren. Finlay hatte Recht. Die Ringträger waren nicht gut ausgewählt worden. Warum sonst sollten sie sich ausgerechnet gegen Finlay stellen? Gegen den einen, der doch als allererstes im Besitz der Steine gewesen war. Das sollte einfach nicht sein!
Mit einem Ruck richtete sich Miles auf. Er hatte einen Entschluss gefasst und dem würde er auch nachgehen. Jetzt und sofort. Und so erhob sich Miles von seinem Bett, schnappte sich eine kleine Umhängetasche, zog sich Schuhe an und schlich aus dem Zimmer. Vorsichtig und leise lief er die Gänge entlang, betrat ein Zimmer nach dem anderen. Die anderen Ringträger lagen alle in ihren Betten. Jeder schlief tief und fest. Die meisten von ihnen machten es ihm unglaublich einfach. Mit einem Lächeln hatte Miles die Ringe gesehen, wie sie bei jedem einzelnen auf dem Nachttisch lagen und nur darauf warteten, genommen zu werden. Nur bei einer wurd es schwer. Zero war die Einzige, die den Ring am Finger trug. Vorsichtig war Miles zum Bett geschlichen, hatte den Atem dabei angehalten. Dort angekommen griff er als allererstes nach den Schwertern, die am Bett lehnten, verfrachtete sie lautlos ans andere Ende des Zimmers. Dann ging er zurück zum Bett. Zero lag da, auf dem Rücken. Die Hand mit dem Ring offen neben ihrem Kopf liegend. Ganz behutsam hatte er mit zwei Fingern nach dem Ring gegriffen, ihn in Zeitlupe vom Finger gestriffen, keinen Moment lang die Augen von ihrem Gesicht gelassen, in Furcht sie zu wecken. Er hatte jedoch Glück. Das Gewitter draußen schien sie unaufmerksam gegenüber anderen Sachen zu machen. Und kaum hatte Miles den Ring, schlich er auch schon so schnell er konnte wieder aus dem Raum raus, lief die Gänge entlang geradewegs zum Stall. Er zügelte sich sein Pferd und mit allen sechs Ringen in der Tasche ritt er los in die schwarze und stürmische Nacht.